An einem Plätze in der Eifel sehe ich es jedes Mal: Familie K. parkt ihren Wohnwagen am gleichen Stellplatz wie vor 30 Jahren. Gleicher Stellplatz, gleiche Heckenstücke, gleiche Aussicht. „Stammplatz" nennen die Deutschen das. Eine Tradition, die fast verloren geht.

Was ein Stammplatz ist

Ein Stammplatz ist nicht einfach ein gebuchter Stellplatz. Er ist ein Ort, der dir gehört – nicht juristisch, sondern emotional. Du kennst die Hecken, den Vogel, der jedes Jahr im gleichen Baum sitzt. Du kennst die Nachbar:innen, die seit Jahrzehnten den gleichen Stellplatz haben. Du gehörst dazu.

Die Statistik

Etwa 35 % der deutschen Camper:innen haben einen Stammplatz – meist über Saison-Verträge bei Klein- oder Mittel-Plätzen. Durchschnittliche Dauer eines Stammplatz-Vertrags: 8,4 Jahre. Manche kommen seit 30, 40 Jahren auf den gleichen Stellplatz.

Warum Stammplatz

Es gibt rationale Gründe: Plan-Sicherheit, oft günstiger als spontane Buchungen, eingerichtete Infrastruktur (Vorzelt, Boden). Aber das Eigentliche ist anders.

Es ist die Vertrautheit. Du kennst den Plätze blind. Du weißt, wo das Licht-Schaltung ist, wo der nächste Wasserhahn, wo der Müll. Du weißt, dass Familie M. drei Stellplätze weiter immer am Donnerstag Abend Spareribs grillt und du eingeladen wirst. Du weißt, dass die Plätze-Crew dich grüßt, weil sie dich kennt.

Die Generation der Stammplätze

Stammplätze sind eine Generation-Sache. Großvater hat ihn übernommen, Vater ist mit dem Wohnwagen umgezogen, Tochter hat ihren ersten Sommer hier verbracht, jetzt kommt sie mit eigenen Kindern. Vier Generationen am gleichen Stellplatz – ein deutsches Phänomen.

Warum die Generation der Klein-Plätze stirbt

Die Plätze, die Stammplätze ermöglichen, sind kleine Familien-Plätze. Sie verschwinden seit Jahren. Premium-Plätze und Glamping-Anbieter haben kein Stammplatz-Konzept – jeder Aufenthalt ist temporär. Wo soll man da Stammgast werden?

Was Stammplätze geben

Sie geben Identität. In einer Welt, in der wir ständig zwischen verschiedenen Orten und Identitäten wechseln, ist der Stammplatz ein Anker. Hier bin ich. Hier kenne ich die Welt. Hier wird mich erkannt.

Was sie nehmen

Flexibilität. Mit Stammplatz fährt man nicht spontan ans Meer. Man fährt zum Stammplatz. Manche Menschen empfinden das als Fessel. Andere als Befreiung von der Reise-Industrie und ihrer Allzeit-Verfügbarkeit.

Stammplatz-Kultur

Auf einem Plätze mit vielen Stammplätzen gibt es eine eigene Kultur. Wer neu kommt, wird langsam aufgenommen. Wer dazugehört, hat ein eigenes Wein-Treffen mit den Nachbar:innen, ein gemeinsames Geburtstag-Feiern, eine Kaffee-Runde am Sonntag.

Beobachtung

Eines Sommers besuchte ich Familie K. Sie hatten ihren 30. Stammplatz-Sommer. Großvater (87) saß auf seinem Klappstuhl, lächelte ins Licht. Die Enkelin (4) baute mit Sand, wo schon ihr Vater gebaut hatte. Drei Generationen am gleichen Stellplatz.

„Das ist mehr als Urlaub", sagt der Großvater. „Das ist Leben."

Was wir verlieren würden

Wenn wir die Stammplätze verlieren, verlieren wir mehr als günstige Übernachtungen. Wir verlieren eine Form der Beziehung – zum Ort, zu Menschen, zur Zeit. In einer Welt der instantanen Verfügbarkeit ist Stammplatz eine Form der Beständigkeit.

Plädoyer

Plätze, die Stammplätze möglich machen, sollten gefördert werden. Bauplanungs-Erleichterungen, Förderprogramme, Marketing-Unterstützung. Sie sind Teil der deutschen Camping-Tradition – und damit Teil dessen, was Camping ausmacht.

Der Stammplatz ist nicht romantisch verklärt. Er ist real, manchmal nervig, oft repetitiv. Aber er ist authentisch. Und Authentizität ist das, was Camping in seiner Essenz ausmacht.

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